Leitfaden

Rechenzentrum im laufenden Betrieb erweitern: Wie Betreiber Ausfallrisiken begrenzen

Wie Sie Bauarbeiten, laufende Versorgung und Inbetriebnahme aufeinander abstimmen, um die Verfügbarkeit Ihrer IT zu schützen.

Moderne Rechenzentrumsarchitektur mit silberner Glasfassade und begrüntem Vorbereich im Tageslicht.

Der deutsche Rechenzentrumsmarkt wächst. Bitkom und das Borderstep Institut schätzen die IT-Anschlussleistung deutscher Rechenzentren und kleinerer IT-Installationen für 2025 auf knapp 3.000 Megawatt. Bis 2030 prognostizieren sie rund 5.000 Megawatt. Cloud-Dienste und künstliche Intelligenz treiben den Ausbau. Damit gewinnt die Frage an Bedeutung, wie zusätzliche Kapazität sicher bereitgestellt werden kann. [1]

Wer dafür die bauliche Erweiterung oder Modernisierung eines bestehenden Rechenzentrums plant, steht vor einer besonderen Aufgabe. Neue Flächen, zusätzliche Kühlung und leistungsfähigere Stromversorgung müssen entstehen, während die vorhandenen Server weiterarbeiten. Bauarbeiten finden damit unmittelbar an der Infrastruktur statt, auf die Kunden und ihre Geschäftsprozesse angewiesen sind.

In diesem Beitrag zeigen wir, wie Betreiber und Projektleitungen diese Situation beherrschbar machen. Vier Planungsaufgaben führen vom Verständnis des Bestands über die Versorgung während der Bauphase bis zur kontrollierten Inbetriebnahme. Ein Beispiel mit interaktiver Grafik macht deutlich, warum eine weiterhin laufende IT zeitweise trotzdem schlechter gegen Störungen geschützt sein kann.

Warum Bauen im Betrieb besondere Sorgfalt verlangt

Server benötigen eine zuverlässige Stromversorgung und müssen ihre Wärme kontinuierlich abgeben können. Auch Steuerung, Überwachung und Netzwerkanbindung gehören zum funktionierenden Gesamtsystem. Wird eine dieser Voraussetzungen durch Bauarbeiten beeinträchtigt, kann das Auswirkungen auf bereits genutzte IT-Bereiche haben. Cundall beschreibt deshalb die Aufrechterhaltung von Stromversorgung und Kühlung als zentrale Herausforderung bei Modernisierungen im laufenden Betrieb. [2]

Für die Kunden hängen daran geschäftskritische Anwendungen und Daten. Eine Unterbrechung kann beispielsweise Auftragsabwicklung, Produktionsplanung oder digitale Dienstleistungen treffen. Betreiber müssen deshalb ihre Verfügbarkeitszusagen in die Bauplanung einbeziehen. Service Level Agreements, kurz SLAs, beschreiben vereinbarte Leistungsniveaus und können bei deren Unterschreitung Gutschriften vorsehen. [4]

Für die Projektleitung wird daraus eine klare Aufgabe: Die Erweiterung muss so vorbereitet werden, dass die Auswirkungen auf den laufenden Betrieb vor der Ausführung bekannt sind. Dazu gehören die vertraglichen Verpflichtungen gegenüber Kunden ebenso wie die technischen Voraussetzungen am Standort. Die folgenden vier Schritte setzen genau dort an.

1. Abhängigkeiten des Bestands sichtbar machen

Ein neuer Gebäudeteil kann räumlich getrennt sein und trotzdem dieselbe Stromverteilung, Kühlung oder Steuerung wie der Bestand nutzen. Deshalb beginnt die Vorbereitung mit einer gemeinsamen Bestandsaufnahme von Fachplanung und Betrieb. Cundall hebt dafür die Untersuchung vorhandener Anlagen und den Austausch mit den Betriebsteams hervor, insbesondere wenn Unterlagen älter oder unvollständig sind. [2]

Für die Planung sollten drei Zusammenhänge sichtbar werden:

  • Gemeinsam genutzte Versorgung. Halten Sie fest, welche laufenden IT-Bereiche von den betroffenen Strom-, Kühl- und Leitungssystemen abhängig sind.
  • Steuerung und Überwachung. Lassen Sie aufzeigen, wie die neue Technik bestehende Schaltungen, Alarme und Regelungen verändert.
  • Schnittstellen zur Baustelle. Stimmen Sie Bauzugänge, Materialtransporte und Arbeitsbereiche auf den laufenden Betrieb und seine Schutzmaßnahmen ab.

Auf dieser Grundlage können Sie Bauabschnitte sinnvoll abgrenzen. Ein Anschluss wird dann beispielsweise einem bestimmten versorgten IT-Bereich zugeordnet. So wird früh erkennbar, welche Betriebsverantwortlichen beteiligt werden müssen und welche anderen Arbeiten im selben Zeitraum zu berücksichtigen sind.

2. Bauphasen an der verfügbaren Versorgung ausrichten

Viele Rechenzentren halten zusätzliche Versorgungskapazität vor, damit Wartung oder eine Störung nicht sofort die IT unterbricht. Diese Reserve wird als Redundanz bezeichnet. Bei einer Erweiterung kann ein Teil davon vorübergehend entfallen. Die IT arbeitet dann möglicherweise weiter, ist aber weniger gegen eine zusätzliche Störung abgesichert. Die Reihenfolge der Arbeiten und gegebenenfalls eine temporäre Strom- oder Kühlversorgung werden dadurch zu wichtigen Planungsentscheidungen. [2]

Ein Beispiel macht den Unterschied greifbar: Ein IT-Bereich kann über zwei Stromversorgungspfade A und B versorgt werden. Für den Anschluss einer Erweiterung wird A abgeschaltet. B versorgt die Server weiter. Nun soll im selben Zeitfenster auch an B eine Wartung mit Abschaltung stattfinden. Was im Bauplan und im Wartungsplan jeweils für sich sinnvoll erscheint, passt im gemeinsamen Ablauf nicht zusammen.

Der Betreiber muss dieses Zusammentreffen vor Beginn auflösen. Möglich sind ein anderes Wartungsfenster, eine veränderte Baufolge oder eine fachlich geplante zusätzliche Versorgung. Auch die Dauer zählt. Verzögert sich der Anschluss, bleibt die Reserve länger eingeschränkt als vorgesehen. Deshalb sollten Bauphase, zulässige Dauer und nachfolgende Wartung gemeinsam geplant werden.

Versorgung und Reserve
Betriebszustand im Beispiel auswählen
Strompfad AVerfügbar
Strompfad BVerfügbar
IT in Betrieb

Reserve verfügbar

Strompfad AAbgeschaltet
Strompfad BVerfügbar
IT in Betrieb

Keine Reserve

Strompfad APrüfung offen
Strompfad BVerfügbar
IT in Betrieb

Reserve noch ungeprüft

Schematisches Beispiel: Jeder Strompfad kann die IT allein versorgen.

3. Bauarbeiten und Betrieb gemeinsam freigeben

Aus der technischen Planung muss ein gemeinsam abgestimmter Ablauf für die Ausführung werden. Der Bauplan allein zeigt häufig nicht, welche Betriebsbedingungen während einer Umschaltung gelten. Wir empfehlen deshalb, die Vorbereitung auf die betroffene Anlage und das konkrete Arbeitsfenster zu beziehen. Projektleitung, technischer Betrieb und ausführende Unternehmen benötigen dafür denselben aktuellen Stand.

Die folgenden Festlegungen helfen, aus einer allgemeinen Abstimmung eine klare Arbeitsgrundlage zu machen:

Tabelle seitlich bewegen
Vor der Ausführung festlegenNutzen für den Betrieb
Bauarbeiten und Wartung im selben ZeitfensterMacht sichtbar, ob mehrere Vorhaben dieselbe Versorgung oder Reserve beanspruchen.
Zulässige Betriebsbedingungen und DauerLegt fest, welche Funktionen während der Arbeiten verfügbar sein müssen und wann eine Verzögerung neu bewertet wird.
Abbruchkriterien und RückkehrmöglichkeitBeschreibt, bei welchen Abweichungen die Arbeiten unterbrochen werden und wie ein zuvor fachlich festgelegter Betriebszustand wiederhergestellt wird.
Freigabe, Ansprechpartner und KommunikationKlärt, wer den Arbeitsbeginn bestätigt, wer bei Abweichungen entscheidet und wie der Betrieb über Änderungen informiert wird.

Ein kurzer, gemeinsam abgestimmter Ablaufplan verbindet diese Punkte. Die technischen Voraussetzungen und die Möglichkeit einer Rückkehr müssen vor Beginn durch die zuständigen Fachverantwortlichen geprüft sein.

4. Neue Technik im Zusammenspiel prüfen

Nach der Montage muss sich zeigen, ob die erweiterte Anlage unter den vorgesehenen Betriebsbedingungen funktioniert. Ein erfolgreich geprüfter Generator allein beantwortet beispielsweise noch nicht, ob Stromübernahme, Steuerung und Kühlung gemeinsam wie geplant arbeiten. Dafür beschreibt die Fachliteratur das Integrated Systems Testing, also die Prüfung des Zusammenspiels mehrerer Systeme. [3]

Für Betreiber sind dabei drei Ergebnisse entscheidend:

  • Die neue Funktion ist nachgewiesen. Die erweiterte Versorgung erfüllt die vorgesehenen Aufgaben einschließlich des Zusammenspiels mit den Bestandsanlagen.
  • Die Reserve funktioniert wieder wie vorgesehen. Die für den künftigen Betrieb benötigten Umschalt- und Ersatzfunktionen sind geprüft und bewertet.
  • Der Betrieb kann die Anlage übernehmen. Unterlagen, Einstellungen, offene Befunde und Zuständigkeiten sind für das Betriebsteam nachvollziehbar übergeben.

Im Beispiel gilt Pfad A daher erst wieder als verfügbar, wenn die erforderlichen Prüfungen abgeschlossen und ihre Ergebnisse bewertet sind. Die Planung dieser Prüfungen gehört bereits in die Bauvorbereitung. So werden benötigte Zeitfenster und Betriebszustände berücksichtigt, bevor die neue Technik fertig montiert ist.

Erweiterung und Betrieb als gemeinsames Projekt führen

Für Betreiber liegt der entscheidende Nutzen in einer Baufolge, die die Verfügbarkeit des bestehenden Rechenzentrums mitplant. Jede Phase hat einen beschriebenen Versorgungszustand, klare Zuständigkeiten und festgelegte Bedingungen für den nächsten Schritt. Änderungen im Bauablauf werden dadurch rechtzeitig mit dem Betrieb abgestimmt.

HSE-Management unterstützt die sichere Zusammenarbeit von Baustelle und laufendem Standort, etwa bei gemeinsamen Arbeitsbereichen, Zutrittsregeln und gleichzeitig tätigen Unternehmen. Fachplanung und technischer Betrieb bringen die Anforderungen an Versorgung, Steuerung und Prüfungen ein. Werden diese Beiträge früh zusammengeführt, lässt sich die Erweiterung mit ihren Auswirkungen auf den laufenden Betrieb gezielt vorbereiten und steuern.

Quellen

  1. [1]

    Bitkom / Borderstep Institut. Rechenzentren in Deutschland: Aktuelle Marktentwicklungen (Update 2025). Schätzung der IT-Anschlussleistung 2025 und Prognose bis 2030, einschließlich kleinerer IT-Installationen; Seiten 5, 8 und 20. Originalquelle (öffnet in einem neuen Tab)

  2. [2]

    Jamie Cameron, Cundall. Refurbishing data centres for sustainable efficiency, 7. Februar 2024. Bestandsuntersuchung, Arbeitsfolge, temporäre Versorgung und Einschränkungen der Reserve im laufenden Betrieb. Originalquelle (öffnet in einem neuen Tab)

  3. [3]

    Cadence. Integrated Systems Testing for Data Centers. Zusammenwirken von Stromversorgung, Kühlung, Steuerung und Überwachung bei der Inbetriebnahme, abgerufen am 10. September 2026. Originalquelle (öffnet in einem neuen Tab)

  4. [4]

    Amazon Web Services. Amazon Compute Service Level Agreement. Öffentliches Beispiel für Verfügbarkeitszusagen und bedingte Servicegutschriften bei Cloud-Diensten, abgerufen am 10. September 2026. Originalquelle (öffnet in einem neuen Tab)

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